Danziger Straße 10

Ein Schriftsteller erinnert sich und an einen Freund …

Peter Wawerzinek

Schriftsteller,
als Performance-Künstler genannt ScHappy,
erinnert auch an Matthias Baader Holst †

Peter Wawerzinek schreibt:

Baader zog, als er nach Berlin kam, erst einmal in meine Wohnung ein. Ich suchte mir in der Oderberger dann eine andere Unterkunft, fand sie bei Volker Handloik, einem schreibendem Kollegen – er starb dann bei einer Reportage in Afghanistan. Baader klebte als erstes Butterbrot- oder Pergamentpapier an die Scheiben. Er wollte keine Brandmauer haben und auch sonst nichts von der Stadt sehen. Er mochte den Tag nicht, verschlief ihn am liebsten, ging abends heraus. Zitat: endlich die Nacht. Deswegen war es auch sehr leicht, mit ihm später in der Danziger zusammen zu wohnen. Er kam heim, wenn ich aufgestanden war und meinen Tag begann. Er trollte sich hinaus in die Nacht, wenn ich langsam den Tag beendete. Wir waren wirklich anfangs viel zusammen, weil Baader notorisch ängstlich war. Er konnte nicht allein sein. Er hatte Angst vor dem Alltag, von gewöhnlichen Leuten angesprochen bzw. vollgelabert zu werden. Er hasste die herkömmliche Gesprächsebene, machte nur bei wirklich alten Leuten eine Ausnahme. Die konnten ihm alles erzählen, er umarmte sie dafür sogar herzlich. Die Danziger 10 war damals ein Begegnungsraum. Baader nannte es unsere
zenbuddhistisch-jüdisch-anarchistische Diskussionsstube oder so ähnlich. Wir hielten uns dort nicht nur auf, wir luden alle möglichen Interessierten zu intensiven Abenden ein, die mitunter schon am frühen Nachmittag begannen und bis in die Morgenstunden reichten, in der Regel am Wurststand Konnopke bei einer schlichten Tomatenbrühe für damals 30 Pfennig endete, drei vier solcher Brühtassen waren denkbar. Danach ging er schlafen, ich meinen Geschäften nach, hatte ja auch Familie nebenher.

Nach dem Mauerfall zog ich in verschiedene Schreibbuden ein. Baader suchte sich eine andere Wohnsituation und fand sie damals bei einem sudanesischen Freund in der Anklamer Straße. Dort verbrachten sie tolle Zeiten zwischen einem Meer an Grünpflanzen und viele schöngeistigen Drogen, wobei ihm das Gefühl von Tag- und Nachtunterschied abhanden kam, was wirklich befreiend für ihn war. Er wurde für einen kleinen Kreis von Leuten so etwas wie umgänglicher. Dann verunglückte er und wir waren alle lange fassungslos.

P.W. writes about his time of living together with Matthias Baader Holst: „He came home when I got up and started my day. He trolled out into the night when I slowly ended the day. … The apartment Danziger 10 was a meeting place at that time. … Then he crashed and we all were stunned for a long time.“

Quelle: P. Wawerzinek, 2019
P. Wawerzinek, Das Desinteresse,
Hasenverlag 2010

Ein Projekt anlässlich von »30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall« im Auftrag des Bezirksamtes Pankow in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH. Das Projekt wird aus Mitteln des Bezirkskulturfonds gefördert.