Fehrbelliner Straße 91

NEUES FORUM: Hier lebte und arbeitete die Initiatorin …

Bärbel Bohley †

Künstlerin und eine der bekanntesten Oppositionellen –
Gründerin der Gruppe Frauen für den Frieden,
Mitgründerin der Initiative für Frieden und Menschenrechte,
schließlich mit Katja Havemann Initiatorin des Neuen Forums
ihr Atelier im Hochparterre war Treffpunkt der Initiativgruppe
und zentrale Anlaufstelle nach dem Gründungsaufruf des Neuen Forums

Bärbel Bohley erinnert sich zwanzig Jahre danach:
»Für mich ist nicht der Zusammenbruch des verdorrten Staatsgerippes der Diktatur der maßgebliche Vorgang, sondern der großartige Aufbruch der Bürger, der ihn bewirkte …

Je mehr die Geschehnisse des Herbstes 89 Geschichte werden, desto weniger finden sie einen Platz als kollektives Erleben im gesellschaftlichen Gedächtnis. Jeder hat wieder nur seine eigene Geschichte, die er oft selbst nicht versteht, weil sie fundamentale Brüche aufweist. Im Herbst 1989, der eigentlich vom September 1989 bis in den März 1990 reichte, fand ein unausgesetzter, landesweit fast gleichzeitiger Aufbruch statt, an dem sich aktiv mindestens zwei Millionen Menschen beteiligten – in sämtlichen großen Städten, in allen mittleren Städten, in vielen Kleinstädten, ja bis in die Dörfer hinab. Es war die größte Demokratiebewegung der deutschen Geschichte bisher.

Die Politik fand plötzlich unter freiem Himmel statt – auf der Straße entfaltete sich jene Dynamik und konnte sich nur dort entfalten. Es charakterisiert diese sechs Monate gerade, dass die politischen Prioritäten von demonstrierenden Mehrheiten gesetzt wurden. Die »große Politik« dagegen musste jeweils nachfolgen und konnte erst auf dem Terrain, das die Bürgerbewegungen abgesteckt hatten, wieder ihre tradierten Gebäude errichten.

Ich werde die Begeisterung nicht vergessen, die nicht nur die Ostdeutschen erfasst hatte. Die ganze Welt schien mitgerissen zu werden und teilte die Begeisterung an unserem lebendigen, lustvollen Protest. Den Traum, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, träumte ich schon lange. Aber dann wurde der Traum Wirklichkeit und gewann Gestalt, und dies in einer Geschwindigkeit, dass man von der Realität mitgerissen wurde, beinah überrollt wurde von dem Geschehen und Mühe hatte, den Kopf oben zu behalten. Für mich war die Vorgeschichte des Herbstes nicht eben ruhig und betulich, sie fängt mit meiner Wiedereinreise in die DDR im August 1988 an. Ich war aus der Haft in Hohenschönhausen wegen »staatsfeindlicher Aktivitäten« direkt in den Westen ausgewiesen worden und hatte wenig Hoffnung, dass man mich wieder in die DDR einreisen lassen würde. Meine Wiedereinreise empfand ich als Sieg all derer, die sich wie ich jahrelang bemüht hatten, in der DDR ein Zeichen von eigenständigem Denken und Handeln zu setzen…

Es entstand die Idee, eine Gruppe ins Leben zu rufen, deren Mitglieder nicht nur dem kirchlichen Umfeld angehörten. Es sollten Menschen aus allen gesellschaftlichen und sozialen Bereichen sein. Die Vorbereitungen begannen im Sommer 1988 und dauerten bis zum Herbst 1989. Um die Einflussmöglichkeiten der Stasi möglichst auszuschalten, wurde zunächst nur mit Einzelnen mündlich über das Vorhaben beraten. Jeder Angesprochene war bereit mitzumachen. Trotzdem war es eine Überraschung, dass wir bei unserem ersten gemeinsamen Treffen am 9. und 10. September 1989 im Haus von Robert Havemann in Grünheide den Aufruf »Die Zeit ist reif« tatsächlich übereinstimmend verfassen und beschließen konnten…

Tag und Nacht waren wir im Einsatz. Ich erinnere mich an zwei Fahrer eines Rettungswagens, die weit nach Mitternacht auf dem Weg zur Charité bei mir Halt machten und den Aufruf unterzeichnen wollten. Der Ansturm der Interessierten war überwältigend…

Die Verhältnisse hatten zu tanzen begonnen, aber es war eine Polka, bei der jedem schwindlig wurde. Nicht nur uns, sondern allen Zuschauern, auch den Politikern im Ausland. Und wer von ihnen heute sagt, er habe den Takt angegeben, der lügt…

Nichts war uns zu groß, als dass wir es nicht angepackt, nichts war uns zu klein, als dass wir uns nicht darum gekümmert hätten…
Ich bin oft gefragt worden, ob der Mauerfall zu früh kam. Ja, ich glaube, er ist zu früh gekommen. Er hätte erkämpft werden müssen und nicht als Toröffnung durch die Torwächter eintreten dürfen. Die Mauer fällt plötzlich, und alle sind platt und stehen sprachlos da. Wir hätten Zeit gebraucht, um das Terrain zu klären und uns einen Weg durch das Dickicht des DDR-Erbes zu schlagen, um selbst zu wissen, welche Forderungen wir stellen müssen und wie sie umzusetzen sind…«

Bärbel Bohley, September 2009, 20 Jahre NEUES FORUM [Auszug]
»Eine Bewegung erweist sich als erfolgreich, wenn sie zerfällt«;
Quelle: Irena Kukutz, Chronik der Bürgerbewegung  NEUES FORUM 1989-1990 mit einem Beitrag von Bärbel Bohley
Arbeitstreffen der Initiativgruppe des Neuen Forums in der Wohnung von Bärbel Bohley
v.l.n.r.:Christian Reich, Bärbel Bohley, Reinhard Schult, Michael Kukutz, Eberhard Seidel, Andreas Schönfelder, Hans-Joachim Tschiche, Jutta Seidel, Jens Reich
Quelle: www.jugendopposition.de – Archiv StAufarb, Foto: Klaus Mehner, 89_1029_POL_DDR-NF 
 
 

Ein Projekt anlässlich von »30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall« im Auftrag des Bezirksamtes Pankow in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH. Das Projekt wird aus Mitteln des Bezirkskulturfonds gefördert.