Lychener Straße 39

Die Tochter einer Malerin erinnert sich …

Amrei Bauer

sie selbst ist
Gärtnerin, Köchin, Bauherrin, Unternehmerin

Annemirl Bauer: Die Madonna vom Prenzlauer Berg

Die Malerin Annemirl Bauer machte den Mund auf gegen das DDR-Regime. Am 10. April wäre sie 80 Jahre alt geworden.
Der Westen des Landes muss sie erst noch entdecken.
Als der Prenzlauer Berg noch außen grau und innen bunt war, und die Leute dort andere Probleme hatten als die Höhe der Mieten und die drohende Verdrängung, gab es am Helmholtzplatz eine Malerin, die in einem alten Laden lebte und arbeitete, Annemirl Bauer. Den Kinderwagen mit ihrem einzigen Kind stellte sie vor die Tür mit einem Schild „Bitte nicht füttern“. Die Straße beschäftigte und unterhielt die Tochter. Die Malerin malte. Sie malte manisch alles und auf allem. …
Sie ließ sich nicht festlegen und nicht eingrenzen, auch wenn das für sie nicht nur angesichts der kaum einen halben Kilometer von ihrem Atelier entfernten Berliner Mauer hieß, immer wieder gegen Grenzen zu stoßen. …
Bei einer Aussprache im Verband gab sie zu Protokoll: „Ich möchte kein gefangener Vogel im Käfig sein. Die Mauer ist überflüssig und überholt. Wenn man sie natürlich sofort wegnähme, würden bei uns wie bei Öffnung eines Korsetts alle Muskeln und Bänder zusammenfallen. Deshalb meine Forderung für die nächsten fünf Jahre, ein für alle überschaubares System zur Öffnung der Mauer zu schaffen.“
Ihr handschriftlicher Entwurf für Frauen in Leitungsfunktionen, verfasst vor den Wahlen im Verband Bildender Künstler 1988 liest sich wie ein gegenwärtiger Diskussionsbeitrag für Parität in der Politik. Ihr Satz: „Frauen, wenn wir heute nichts tun, leben wir morgen wie vorgestern“, ist leider ein Evergreen.

Annemirl Bauer: The Madonna from Prenzlauer Berg

The painter Annemirl Bauer opened her mouth against the GDR regime. She would have turned 80 on April 10.
The West of the country has yet to discover her.
When Prenzlauer Berg was still grey on the outside and colourful on the inside, and the people there had other problems than the amount of rents and the threatening displacement, there was a painter at Helmholtzplatz who lived and worked in an old shop, Annemirl Bauer. She put the pram with her only child in front of the door with a sign „Please don’t feed“. The street kept her daughter busy and entertained. The painter painted. She painted manically everything and on everything. …
She did not allow to be fixed and not to be constricted, even if this meant for her to bump repeatedly against boundaries, not only in view of the Berlin Wall barely half a kilometre from her studio. … …

Auszüge aus dem Text von Annett Gröschner
Zeit Online 10. April 2019, 20:10 Uhr
www.zeit.de/kultur/2019-04/annemirl-bauer-malerin-berlin-ddr-kuenstlerin
Die-Regierung-der-DDR.jpg
Zeichnung von Annemirl Bauer,
Ende der 80er Jahre

Quelle: www.annemirlbauer.de/

Ein Projekt anlässlich von »30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall« im Auftrag des Bezirksamtes Pankow in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH. Das Projekt wird aus Mitteln des Bezirkskulturfonds gefördert.