Oderberger Straße 18

Ein Journalist erinnert sich …

Dietmar Halbhuber

Journalist,
Clown

Dietmar Halbhuber schreibt noch:
Unsere Oderberger soll, wie andere Straßen im Prenzlauer Berg auch, abgerissen und mit Plattenbauten vollgestellt werden!
Eine „sozialistischen Umgestaltung der Wohnumwelt“ soll es geben!
Das erfahren wir im Jahr 1988 von irgendwo hinter den Kulissen her.
Wumms! Das schlägt ein! Wir vom WBA (den wir ja erfolgreich unterwandert haben) treffen uns und grübeln übel. Wissen wir doch: Was Partei und Regierung beschlossen haben, das wird durchgeführt!
Auch, wenn es bisher noch geheim ist.
Ja: Was da nun tun???
Erst mal wenden wir uns an die staatlichen Organe unseres Stadtbezirks und fragen nach. Es gibt Post hin und her und Gespräche. Da jeweils: Kopfschütteln, Ausreden, komische Erklärungen. Ist ja doch Alles noch geheim!
Bis dass wir uns dann Anfang 89 treffen und noch mal aufgeregt darüber diskutieren. Und da hat einer von uns eine Idee: „Wir machen das bekannt!“ – „Wie? Und wo?“ fragt ein Anderer. „Na, in einer Anwohner-Versammlung!“
Staunen im Raum. Dann aber: Breite Zustimmung!
Geht es also los: Eine Kneipe neben dem „Prater“ wird angemietet. Plakate werden entworfen: Oben zwei Menschen und ein Affe, die sich Augen, Mund und Ohren zuhalten, wie auf dem bekannten Affen-Bild, darunter die Frage: „Umbau, Abriss oder was?“. Und ganz unten Ort und Zeit der Versammlung. Dann werden die Plakate ausgehängt: An Häuserwänden, in Schaufenstern (bei Fleischer Duft z. B., der uns immer schon geholfen hat…). Die Aushänge sind dann zwar am nächsten Tag fast alle wieder weg – abgerissen, bzw. -genommen von… Na, wir wissen schon: Stasi und so… Neue Plakate werden aufgehängt, Einladungs-Zettel in die Briefkästen gesteckt und verteilt…
Bis dass es das Anwohner-Treffen dann auch gibt. Und da: Die Bude voll! So viele sind gekommen, dass eine Menge von ihnen nur draußen vor den offenen Fenstern stehen und von da aus teilnehmen kann.
Vorne am Tisch der Stadtarchitekt von Berlin. Die heiße Debatte beginnt. Argumente fliegen hin und her. Zunächst versucht der Hohe Genosse, uns den geheimen Beschluss verständlich zu machen. Und fragt dann auch das: „Warum wollt Ihr eigentlich die alten Buden so unbedingt erhalten? Ich bin doch selbst da aufgewachsen – auf einem Hinterhof! Ich kenn’ das doch! Wie wir als Kinder in der Küche in die Zinkbadewanne gesetzt wurden. Und wie eng das da war… Und kalt… Und finster… Das Klo eine halbe Treppe tiefer…“
„Die Häuser kann man doch aber restaurieren!“ wendet einer von uns ein. „Viel zu teuer!“ erwidert der Architekt. Man habe doch seit Jahren schon auf Neubau umgestellt. Und so erfahren wir: Das solle es nun auch in unserem Prenzlauer Berg geben: Flächenabriss! Großflächiger Neubau! Und also: Beton! Beton!
Auch die Oderberger: Nur noch Platten-Bauten! Wie die Wohn-Silos auf den ehemals grünen Wiesen um die Stadt herum. Was der Architekt nicht sagt:
Dass diese Silos am Stadtrand jetzt fertig sind und die Platten-Bauer keine Arbeit mehr hätten, würde da nicht mitten in der Stadt weiter geneubaut. Außerdem gibt es ja das kaum noch: Richtige Maurer, Zimmerleute, Bau-Klempner, die das Restaurieren der alten Häuser bräuchte. Und auch Ziegel und alte Holz-Bauteile sind rar geworden.
Weiter geht die Debatte. Hitzig hin und her. Bis dass der Architekt spricht, er könne das Alles nicht alleine entscheiden, müsse sich da erst mal beraten. Er werde uns Bescheid geben, wenn er mehr weiß.
Und irgendwann dann gehen wir auch – mit den WBA-Leuten von der Rykestraße, die als eine der ersten Straßen dran sein soll – ins ZK zum Hohen Genossen Schabowski (dem 1.Sekretär der Bezirksleitung der SED) zu einem „klärenden Gespräch“.
Da wieder: Debatte! Debatte! Ein Argument: „Nicht jedes alte Haus soll zum Museum erklärt werden!“
Bis dass es am Ende dann doch die vage Zusage gibt, dass die Straßen vielleicht nicht abgerissen, sondern saniert werden. Nach 1990 irgendwann …
Erfreut eilen wir von hinnen. Und unsere Oderberger, sie hat das ja dann auch überlebt – Wende und so…

Quelle: © Dietmar Halbhuber
Quelle: Matthias Klipp

Ein Projekt anlässlich von »30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall« im Auftrag des Bezirksamtes Pankow in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH. Das Projekt wird aus Mitteln des Bezirkskulturfonds gefördert.