Stargarder Straße 77

Gethsemanekirche

Ein Pfarrer befragt seine Erinnerungen …

Werner Widrat

Werner Widrat schreibt:
Was habe ich gedacht?

In der Gesellschaft der DDR muss sich viel verändern:

  • Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit und Transparenz (Glasnost) auf allen Ebenen sind Voraussetzung für einen vertrauensvollen Dialog zwischen Bevölkerung und Regierenden.
  • Die Veränderungen müssen unten beginnen, im kleinen Kreis, in den Gemeinden, Kommunen, in den Betrieben und den gesellschaftlichen Organisationen.
  • Wir müssen unsere Ängste überwinden, offen besprechen, was uns bewegt, auch wenn die Stasi mithört.
  • Die Gemeinden können einen großen Beitrag dazu leisten, weil sie Räume haben, die zu öffentlichen Räumen werden können.
  • Darum habe ich auch keine Probleme gehabt, die Kirche und Gemeinderäume für nichtkirchliche Veranstaltungen zu öffnen.
  • Meine Theologie ist von Dietrich Bonhoeffer geprägt: Kirche für andere – Gesellschaft und Politik müssen sich an der Bergpredigt Jesu messen lassen – Widerstand ist geboten, wenn die Politik dem Christlich-Menschlichen widerspricht.

Was habe ich gefühlt?

Meine Gefühle waren ambivalent, abhängig von der Situation, in der ich mich befand. Ein Grundgefühl hatte mir wohl schon meine Mutter mitgegeben; es wird alles gut, in welche Situation ich auch komme. Gott behütet mich. Darum kann ich vertrauensvoll und angstfrei meinen Lebensweg gehen.
Konkret in Gethsemane 89: ständige Überforderung, Erschöpfung, Anspannung, Müdigkeit, Unruhe, Aufregung – Erschrecken, Entsetzen, Erschütterung über die Gewalt der Polizei und Stasi – Unsicherheit, Angst, Sorge um andere – Zerrissenheit zwischen Mahnwache und Gemeindekirchenrat/Gemeinde – Hoffnung, Stolz, Stärke, Sicherheit aufgrund der erfahrenen Solidarität und Gemeinschaft – Dankbarkeit für das Vertrauen im Gemeindekirchenrat, unter den Mitarbeitern im Pfarrkonvent, in der Kirche, in den Gottesdiensten, von Fremden und Unbekannten, den vielen Gruppen und Aktivitäten in der Gemeinde, dem Kontakttelefon, dem Stadtjugendpfarramt, der Mahnwache, dem Superintendent, Probst, Bischof.

Was habe ich getan?

Ich habe mich in großer Offenheit den Menschen und Aufgaben gestellt, die auf mich zugekommen sind; ich habe versucht nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und das zu tun, was mir möglich war.
Meist habe ich wohl einfach aus dem Bauch heraus entschieden, aus meinem Glauben, aus meiner Sicht der Welt.
Ich habe versucht, jedem zuzuhören, jede Situation ernst zu nehmen und dann zu entscheiden oder die Entscheidung mit den Mitarbeitern zu finden.

Welche Vorstellungen, Träume, Visionen, Illusionen hatte ich?

Eine sozialistische Gesellschaft hat nur eine Zukunft, wenn sie die Menschen ernst nimmt mit ihrer Sehnsucht nach Teilhabe, Mitwirkung, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit – mit ihren Fähigkeiten und Ressourcen.
Eine sozialistische Gesellschaft muss ein menschliches Antlitz haben, basisdemokratisch organisiert sein.

Wie habe ich die Umbruchszeit erlebt?

Euphorisch – wir haben in der Gemeinde viel zu Veränderungen getan.
Gespannt – auf die vielen Neugründungen wie Neues Forum, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt, SDP usw.
Stolz – dass so viele Menschen und große Veranstaltungen, Konzerte in die Gethsemane-Kirche kamen.
Traurig – dass immer noch so Viele in den Westen gingen statt sich hier zu engagieren.
Befürchtend – dass der kapitalistische Westen die DDR einfach schluckt.
Voll Illusion, dass eine neue Friedenszeit anbrechen werde, dass der Kalte Krieg zu Ende ist, dass wir in der DDR eine demokratische sozialistische Gesellschaft schaffen, abrüsten, neutral werden und dass wir damit auch die Bundesrepublik verändern.

Welche Erfahrungen wären für einen Aufbruch in heutiger Zeit hilfreich?

  • Radikale Veränderungen in der Gesellschaft sind ohne Gewalt möglich.
  • Träume, Wünsche, Hoffnungen, Visionen können Realität werden.
  • Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.
  • Solidarität, Gemeinschaft, Vertrauen machen Mut und bringen viel Bewegung.
  • Solidarisches Handeln und Leben ist möglich.
  • Jeder sollte die Massenmedien kritisch betrachten.
  • Ohne Gerechtigkeit wird unsere Gesellschaft keinen Bestand haben.

Pater Werner Widrat writes:
What have I thaught?
What didI feel?
What have I done?
Which ideas, dreams, visions, illusions did I have?
What did I experience in the time of upheaval?
Which experiences would be helpful for a departure nowadays?

Pfarrer Werner Widrat und sein Gemeindekirchenrat stellten die Kirche den jungen Oppositionellen zur Verfügung, um Solidarität mit den politischen Gefangenen aus Leipzig und anderen Orten zu zeigen.
Robert-Havemann-Gesellschaft / Foto: Frank Ebert

Im Herbst kamen immer mehr Leute in die Gethsemanekirche
Foto: Bernd Bohm
Quelle: W. Widrat

Ein Projekt anlässlich von »30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall« im Auftrag des Bezirksamtes Pankow in Kooperation mit der Kulturprojekte Berlin GmbH. Das Projekt wird aus Mitteln des Bezirkskulturfonds gefördert.